Vegetative Phase – Das Wachstum beginnt

Warum die vegetative Phase das Fundament für den Ertrag legt

Nach der Anzuchtphase beginnt die vegetative Phase – die Zeit des reinen Wachstums. Die Pflanze baut jetzt ihr Gerüst auf: Stamm, Äste, Blattwerk und Wurzeln. Alles, was du in dieser Phase richtig machst, zahlt sich direkt in der Blüte aus. Eine große, gesunde Pflanze mit vielen Ansatzpunkten produziert mehr Blüten als eine kleine, gestresste. Gleichzeitig ist die vegetative Phase die Zeit, in der du aktiv eingreifen kannst – durch Training, Umtopfen und gezielte Optimierung der Bedingungen. Wer diese Phase versteht, hat den größten Hebel für den Endertrag in der Hand.

Optimale Bedingungen in der vegetativen Phase

Die Pflanze ist in der Vegi deutlich robuster als in der Anzucht. Trotzdem lohnt es sich, die Grundparameter im Blick zu behalten, denn suboptimale Bedingungen über mehrere Wochen summieren sich.

  • Temperatur: 22–27 °C. Etwas wärmer als in der Anzucht ist in Ordnung. Unter 18 °C verlangsamt sich das Wachstum spürbar, über 30 °C steigt der Hitzestress.
  • Luftfeuchtigkeit: 50–70 %. Mit zunehmender Pflanzengröße und dichterem Blattwerk sollte die Luftfeuchtigkeit leicht gesenkt werden, um Schimmelrisiken zu reduzieren.
  • Licht: Mindestens 18 Stunden täglich. 18/6 ist der Standard – 6 Stunden Dunkel gönnen der Pflanze eine natürliche Ruhephase. 20/4 oder 24/0 sind möglich, bringen aber bei den meisten Sorten keinen signifikanten Mehrertrag und erhöhen den Stromverbrauch.
  • Substrat: Gut durchlüftetes Medium mit ausreichend Puffer für Nährstoffe. Im Boden pH 6,0–6,5, in Kokos oder Hydro 5,8–6,2.
  • Belüftung: Ein leichter Luftzug stärkt den Stamm und beugt Schimmel vor. Ein einfacher Ventilator, der die Blätter leicht bewegt, reicht aus.

Beleuchtung – Der wichtigste Wachstumsfaktor

Licht ist in der vegetativen Phase der entscheidende Faktor. Je mehr Lichtenergie die Pflanze aufnehmen kann, desto schneller und kräftiger wächst sie. Dabei kommt es nicht nur auf die Dauer, sondern auch auf die Intensität und den Abstand an.

Moderne LED-Panels sind in der Vegi sehr effizient. PPFD-Werte von 400–600 µmol/m²/s sind ideal – zu wenig führt zu Strecken, zu viel zu Lichtverbrennungen. Der optimale Abstand hängt vom Lampentyp und der Leistung ab und sollte immer mit der Herstellerempfehlung abgeglichen werden.

Anmerkung: Wenn die Pflanze sich stark in die Höhe streckt und dünne, lange Internodien bildet, ist das fast immer ein Zeichen für zu wenig Licht – nicht für zu viel Wachstum. Die Lampe näher bringen oder die Leistung erhöhen löst das Problem in der Regel innerhalb weniger Tage.

Nährstoffe in der vegetativen Phase

In der Vegi braucht die Pflanze vor allem Stickstoff (N) für Blattmasse und Stammwachstum, Phosphor (P) für die Wurzelentwicklung und Kalium (K) für allgemeine Vitalität und Stressresistenz. Ein guter Grow-Dünger mit erhöhtem N-Anteil deckt diese Bedürfnisse ab.

  • EC-Wert: 0,8–1,4 mS/cm je nach Wachstumsphase und Sorte. Jungpflanzen starten niedrig, ältere Pflanzen in der Vegi können mehr vertragen.
  • pH-Wert: Im Boden 6,0–6,5, in Kokos/Hydro 5,8–6,2. Ein falscher pH-Wert ist die häufigste Ursache für Nährstoffblockaden – auch wenn genügend Dünger vorhanden ist.

Stickstoffmangel erkennen: Gelbe Blätter, die von unten nach oben wandern. Die Pflanze zieht Stickstoff aus älteren Blättern ab, um neue zu versorgen. Lösung: Stickstoffhaltigen Dünger erhöhen, pH prüfen.

Stickstoffüberschuss erkennen: Dunkelgrüne, nach unten gebogene Blätter – das sogenannte „Clawing“. Die Pflanze kann den überschuss nicht verarbeiten. Lösung: Düngermenge reduzieren, mit klarem Wasser spülen.

Tipp: Lieber etwas weniger düngen und langsam steigern als zu viel auf einmal. Überdüngung ist schwerer zu korrigieren als Mangel.

CalMag in der vegetativen Phase – besonders relevant bei LED

In der vegetativen Phase steigt der Bedarf an Calcium und Magnesium deutlich – die Pflanze baut aktiv Zellwände, Enzyme und Chlorophyll auf. Besonders unter modernen Full-Spectrum-LEDs tritt CalMag-Mangel häufiger auf als unter HPS, weil die Pflanze weniger transpiriert und damit weniger Calcium über den Wasserfluss aufnimmt. Gleichzeitig fördert das blaue Lichtspektrum das Blattwachstum, was den Calciumbedarf weiter erhöht.

Calciummangel erkennen: Braune, unregelmäßige Flecken auf den Blättern. Neue Blätter können sich verformen oder einrollen. Calcium ist nicht mobil – Mangel zeigt sich zuerst an den jüngsten Blättern.

Magnesiummangel erkennen: Vergilbung zwischen den Blattadern (intervenäre Chlorose), beginnend an älteren Blättern. Magnesium ist mobil – die Pflanze zieht es aus alten Blättern ab.

Wann CalMag einsetzen: Bei LED-Beleuchtung CalMag standardmäßig dem Gießwasser beigeben. Die Wasserhärte bestimmt die Dosierung: Bei hartem Wasser (über 200 ppm) reicht eine niedrige Dosis, bei weichem Wasser (unter 100 ppm) entsprechend mehr. CalMag zuerst ins Wasser geben, dann den Basis-Dünger dazugeben – danach den pH-Wert messen und bei Bedarf korrigieren. Ein falscher pH blockiert die Aufnahme, auch wenn genug CalMag im Wasser ist.

LST – Low Stress Training

Sanftes Herunterbinden von Ästen, um die Pflanze flach und breit zu halten. Kein Schnitt, kein Stress – die Pflanze wird lediglich in eine horizontale Wuchsform geleitet. LST ist die einzige Trainingsmethode, die auch bei Autoflowern sinnvoll eingesetzt werden kann, da kein Erholungszeitraum benötigt wird.

Beginne früh, wenn die Äste noch biegsam sind. Binde sie mit weichen Kabelbindern, Gartenband oder speziellen Grow-Clips nach außen. Die Pflanze wird immer wieder nach oben wachsen – regelmäßiges Nachbinden ist notwendig. Das Ergebnis ist eine flache, breite Pflanze mit vielen gleichmäßig beleuchteten Blütenpunkten.

Topping

Beim Topping wird die Haupttriebspitze abgeschnitten, um zwei gleichwertige Haupttriebe zu erzeugen. Langfristig verdoppelt sich so die Anzahl der Hauptblüten. Die Pflanze braucht nach dem Topping 3–5 Tage Erholungszeit, bevor sie wieder normal wächst.

Topping sollte erst ab dem 4.–5. Internodium durchgeführt werden – früher ist die Pflanze noch zu jung und der Eingriff zu groß. Wichtig: Topping ist ausschließlich für photoperiodische Sorten geeignet. Autoflower haben keine Zeit zur Erholung – der Ertragseinbuß durch den Stress überwiegt den Gewinn durch mehr Blütenpunkte.

FIM – F*** I Missed

Eine Variante des Toppings: Statt die gesamte Triebspitze zu entfernen, werden nur ca. 75 % abgeschnitten. Das Ergebnis sind 4 neue Haupttriebe statt 2 – allerdings weniger gleichmäßig als beim klassischen Topping. FIM ist etwas weniger invasiv, aber auch weniger kontrollierbar. Für Einsteiger ist klassisches Topping meist die bessere Wahl.

SCROG – Screen of Green

Ein Netz wird in einer bestimmten Höhe über die Pflanze gespannt. Äste werden durch die Maschen gezogen und horizontal geführt, bis das Netz gleichmäßig befüllt ist. Das Ergebnis ist eine flache, gleichmäßige Blütenfläche mit maximaler Lichtausbeute. SCROG ist aufwendiger als LST oder Topping, aber sehr effektiv für photoperiodische Sorten mit viel Platz.

Anmerkung: Wer zum ersten Mal anbaut, sollte mit LST beginnen. Es ist die risikoloseste Methode und liefert bereits deutliche Ertragssteigerungen ohne das Risiko, die Pflanze zu schädigen.

Autoflower vs. Photoperiodisch – Was in der Vegi anders ist

Der größte Unterschied zwischen Autoflower und photoperiodischen Sorten zeigt sich in der vegetativen Phase – sowohl in der Dauer als auch in den Möglichkeiten des Eingreifens.

Autoflower haben eine genetisch festgelegte vegetative Phase von nur 2–3 Wochen. Du kannst sie nicht verlängern. Das bedeutet: kein Topping, kein SCROG, kein Umtopfen. Nur sanftes LST in den ersten 10–14 Tagen ist möglich. Jeder Stress in dieser Phase kostet direkt Endertrag, weil die Pflanze keine Zeit hat, sich zu erholen. Sorten wie Northern Lights Auto oder Critical Auto sind in der Vegi besonders genügsam und verzeihen kleine Fehler – anspruchsvollere Sorten wie Runtz Auto oder Gelato #33 Auto reagieren empfindlicher auf suboptimale Bedingungen.

Photoperiodische Sorten bleiben in der vegetativen Phase, solange du den Lichtzyklus bei 18/6 hältst. Du bestimmst, wann die Blüte beginnt – durch Umstellung auf 12/12. Das gibt dir volle Kontrolle: Topping, SCROG, mehrfaches Umtopfen, Erholung von Stressperioden – alles ist möglich. Je länger die Vegi, desto größer die Pflanze und desto höher der potenzielle Ertrag. Sorten wie Gorilla Glue Feminisiert oder OG Kush Feminisiert entwickeln in einer langen Vegi ein beeindruckendes Gerüst.

Umtopfen in der vegetativen Phase

Wenn die Wurzeln den Topf ausfüllen – erkennbar an Wurzeln, die aus den Drainage-Löchern wachsen, oder an einem Wachstumsstopp trotz guter Bedingungen – ist es Zeit umzutopfen. Ein zu kleiner Topf bremst das Wachstum und kann zu Nährstoffblockaden führen.

Bei photoperiodischen Sorten wird stufenweise umgetopft: von 0,5 L in der Anzucht über 2 L und 5 L bis zum Endtopf mit 10–20 L, je nach Sorte und geplanter Pflanzengröße. Nach jedem Umtopfen 2–3 Tage Erholungszeit einplanen, bevor Training fortgesetzt wird. Bei Autoflowern gilt: direkt in den Endtopf (7–11 L) keimen und nicht umtopfen.

Häufige Fehler und wie du sie behebst

  • Zu wenig Licht: Die Pflanze streckt sich, bildet lange, dünne Internodien. Lösung: Lampe näher bringen oder Leistung erhöhen.
  • Zu viel Stickstoff: Dunkelgrüne, nach unten gebogene Blätter (Clawing). Lösung: Dünger reduzieren, spülen.
  • Falscher pH: Nährstoffblockaden trotz ausreichend Dünger. Lösung: pH des Gießwassers messen und korrigieren – das ist der erste Schritt bei jedem Mangelbild.
  • Topping bei Autoflower: Führt zu Ertragseinbußen, die nicht mehr kompensiert werden können. Lösung: Bei Autoflower ausschließlich LST verwenden.
  • Zu kleiner Topf: Wachstumsstopp, Wurzeln wachsen aus den Löchern. Lösung: Rechtzeitig umtopfen, bevor die Wurzeln eingeengt sind.
  • Schädlinge: Spinnmilben, Blattläuse oder Trauermücken sind in der Vegi einfacher zu behandeln als in der Blüte. Frühzeitig erkennen und handeln – regelmäßige Sichtkontrollen der Blattunterseiten helfen.
  • Zu hohe Luftfeuchtigkeit: Bei dichtem Blattwerk und schlechter Belüftung entsteht Schimmel. Lösung: Luftfeuchtigkeit senken, Ventilator einsetzen, bei Bedarf entlauben.

Häufige Fragen zur vegetativen Phase

Wie lange dauert die vegetative Phase? Bei Autoflowern nur 2–3 Wochen – genetisch festgelegt. Bei photoperiodischen Sorten so lange wie du willst: Du bestimmst den Start der Blüte durch Umstellung auf 12/12.

Wann soll ich mit dem Training beginnen? LST kann ab der 2.–3. Woche beginnen, wenn die Äste noch biegsam sind. Topping erst ab dem 4.–5. Internodium. Bei Autoflowern ausschließlich LST – kein Topping, kein SCROG.

Warum bildet meine Pflanze lange, dünne Abstände zwischen den Blättern? Zu wenig Licht. Die Pflanze streckt sich auf der Suche nach der Lichtquelle. Lampe näher bringen oder Leistung erhöhen – das Problem löst sich innerhalb weniger Tage.

Wann muss ich umtopfen? Wenn Wurzeln aus den Drainage-Löchern wachsen oder das Wachstum trotz guter Bedingungen stoppt. Bei photoperiodischen Sorten stufenweise umtopfen, bei Autoflowern direkt in den Endtopf keimen.

Was ist der Unterschied zwischen LST und Topping? LST ist stressfreies Herunterbinden ohne Schnitt – geeignet für alle Sorten inkl. Autoflower. Topping ist das Abschneiden der Haupttriebspitze für mehr Blütenpunkte – nur für photoperiodische Sorten geeignet, da Erholungszeit benötigt wird.

Wenn die Pflanze die gewünschte Größe erreicht hat oder automatisch in die nächste Phase übergeht, beginnt die Vorblüte – Der Wendepunkt.

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