Pflanzentraining: Mehr Ertrag durch LST, Topping und ScROG
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Die gezielte Beeinflussung des Wuchses ist einer der effektivsten Hebel, um die Effizienz im Growzelt massiv zu steigern. In der Natur wächst Cannabis wie ein Weihnachtsbaum: Ein dominanter Haupttrieb schießt steil in die Höhe, während die Seitentriebe im Schatten der oberen Blätter klein bleiben. Beim Indoor-Anbau ist dieses natürliche Wuchsverhalten jedoch unrentabel, da das Licht der LED-Lampe starr von oben kommt und mit zunehmendem Abstand drastisch an Intensität verliert.
Das Ziel beim Pflanzentraining ist es, diese natürliche Form aufzubrechen und eine flache, gleichmäßige Pflanzendecke zu erschaffen. Dadurch wandern alle Blütenansätze auf dieselbe Höhe in den optimalen Lichtbereich. Wer diese Techniken beherrscht, verteilt die Energie der Pflanze perfekt, vermeidet schimmelanfällige Riesenblüten und holt auch aus deinen Cannabis-Samen das absolute Maximum an Ertrag heraus.
Man unterscheidet beim Training grundsätzlich zwischen zwei Kategorien: Methoden mit geringem Stress (LST) und Methoden mit hohem Stress (HST).
1. Low Stress Training (LST): Die sanfte Methode
Wie der Name schon sagt, wird die Pflanze bei dieser Methode kaum gestresst. Es werden keine Pflanzenteile abgeschnitten, weshalb die Pflanze keine Regenerationspause benötigt und das Wachstum ohne Verzögerung fortsetzt.
Das Prinzip dahinter
Cannabis besitzt einen dominanten Haupttrieb, der durch Wachstumshormone alle darunter liegenden Seitentriebe in ihrer Entwicklung bremst. Wird dieser Haupttrieb nun vorsichtig nach unten gebogen und fixiert, sodass er sich auf einer Höhe mit den Seitentrieben befindet, wird diese Hormonblockade gelöst. Die Pflanze leitet die Energie gleichmäßig in alle Zweige um, und die Seitentriebe schießen parallel nach oben.
Die Praxisanleitung für LST
Der richtige Zeitpunkt: Starte mit LST in der dritten oder vierten Woche des Wachstums, sobald die Pflanze etwa vier bis fünf Blattpaare gebildet hat. Der Stängel ist jetzt noch flexibel und biegsam.
Die Stammbasis sichern: Fixiere zuerst die Basis des Hauptstammes mit einem weichen Pflanzendraht am Topfrand in die entgegengesetzte Richtung, in die du die Pflanze biegen willst. Das verhindert, dass du beim Biegen die Wurzeln aus der Erde reißt oder den Stamm an der Basis spaltest.
Herunterbinden: Biege den oberen Teil des Haupttriebs vorsichtig um etwa 90 Grad zur Seite und fixiere ihn mit Draht am Topfrand.
Nachjustieren: In den folgenden Tagen werden die Seitentriebe nach oben schießen. Binde auch diese regelmäßig kreisförmig nach außen und unten, um die Pflanzendecke flach und auf einer Ebene zu halten.
Praxis-Beispiel: Stell dir eine Pflanze vor, die bereits fünf Blattpaare gebildet hat. Anstatt sie weiter als Tannenbaum nach oben wachsen zu lassen, biegst du den Hauptstamm vorsichtig um 90 Grad zur Seite. Du fixierst die Triebspitze so mit Pflanzendraht, dass sie sich auf genau derselben Höhe wie die untersten Seitentriebe befindet. Nach zwei bis drei Tagen wirst du sehen, dass die Hormone umverteilt wurden: Die ehemals kleinen Seitentriebe schießen alle gleichmäßig und parallel senkrecht nach oben. Statt einer einzigen Hauptblüte hast du nun eine Reihe von gleichwertigen Blütenzweigen auf einer perfekt ebenen Fläche.
2. High Stress Training (HST): Topping und Fimming
Bei diesen Methoden wird die Pflanze physisch verletzt, um ihr Wachstumsmuster dauerhaft zu verändern. Da dies hohen Stress bedeutet, dürfen diese Techniken ausschließlich in der Wachstumsphase angewendet werden. Die Pflanze benötigt danach immer etwa 3 bis 5 Tage Pause, um die Wunde zu schließen und sich zu regenerieren.
Topping (Kappen)
Die Wirkung: Der oberste Teil des Haupttriebs wird komplett abgeschnitten. Die Pflanze leitet ihre Energie in die beiden direkt darunter liegenden Seitentriebe um. Aus einem Haupttrieb entstehen so zwei neue, gleichwertige Haupttriebe. Die Pflanze wächst dadurch deutlich buschiger und bleibt kompakter.
Anleitung: Warte, bis die Pflanze mindestens 5 Blattpaare gebildet hat. Schneide dann den Hauptstamm direkt über dem 3. oder 4. Blattpaar mit einer sterilisierten Schere glatt durch.
Fimming (FIM)
Die Wirkung: Das sogenannte Fimming ist eine abgewandelte Form des Toppings, die durch einen Zufall entdeckt wurde (FIM steht für „Fuck I Missed"). Statt den Trieb komplett abzuschneiden, werden hierbei etwa 80 Prozent der Triebspitze weggeschnitten. Das Gewebe an der Schnittstelle wird dadurch unvollständig getrennt, was die Pflanze dazu bringt, anstelle von zwei neuen Trieben gleich vier neue Haupttriebe zu bilden.
Anleitung: Drücke die oberste, frische Triebspitze leicht zusammen und schneide die oberen 80 % mit einem geraden Schnitt ab. Der verbleibende Rest entfaltet sich nach einigen Tagen zu mehreren neuen Trieben.
3. Fortgeschrittene Techniken: ScROG und Lollipopping
Diese Methoden kombinieren das Pflanzentraining mit einem intelligenten Raummanagement, um die Effizienz im Growzelt weiter zu steigern.
ScROG (Screen of Green)
Die Praxis: Beim ScROG wird ein horizontales Netz oder Gitter (Maschenweite 5 bis 10 cm) etwa 20 bis 30 Zentimeter über den Töpfen im Growzelt montiert. Die Pflanzen werden im Wachstum getoppt und mittels LST in die Breite trainiert. Sobald die Triebe durch die Maschen des Netzes wachsen, biegt man sie vorsichtig um und flechtet sie unter dem Netz weiter nach außen.
Das Ziel: Das Netz wird so lange befüllt, bis die gesamte Fläche des Zelts lückenlos mit Trieben bedeckt ist. Erst dann wird die Blüte eingeleitet. Es entsteht ein perfekt flacher Teppich, aus dem in der Blütephase hunderte gleich große Blüten nach oben wachsen.
Praxis-Beispiel: In einer 80x80 cm Growbox steht ein ScROG-Netz. Durch das kontinuierliche Unterflechten der Zweige hast du das Netz vor der Blüte zu 70 % gefüllt. In der dritten Blütewoche schneidest du im Schattenbereich unterhalb des Netzes alle kleinen Triebe und Blätter ab. Wenn du nach unten schaust, herrscht perfekte Luftzirkulation. Wenn du von oben auf das Netz schaust, siehst du ein lückenloses Meer aus fetten, perfekt beleuchteten Blütenkronen.
Lollipopping (Ausgeizen)
Die Praxis: Diese Technik wird in der frühen Blütephase (meistens um den 21. Tag nach der Lichtumstellung) angewendet. Das untere Drittel der Pflanze wird komplett von allen Blättern, kleinen Seitentrieben und Mini-Blütenansätzen befreit. Die Pflanze hat danach unten einen freien, kahlen Stamm wie ein Lolli.
Warum das sinnvoll ist: Da das Licht der Lampe die dichte Pflanzendecke im oberen Bereich nicht durchdringen kann, kommt im unteren Drittel des Zelts kaum Energie an. Die Triebe dort unten würden nur kleine, fluffige Mini-Blüten bilden, die der Pflanze unnötig Kraft rauben. Durch das Lollipopping fließt die gesamte Energie in die fetten Hauptblüten im direkten Lichtbereich.
Typische Fehler beim Pflanzentraining
Training in der Blütephase: HST-Methoden wie Topping oder Fimming dürfen niemals in der Blütephase angewendet werden. Die Pflanze hat dann nicht mehr die hormonelle Kraft, neue Triebe zu bilden, und der Stress ruiniert den Ertrag komplett.
Zu spätes oder zu frühes Training: Beginne nicht mit dem Training, solange die Pflanze noch ein schwacher Keimling ist. Warte, bis sie stabil steht. Trainiere aber auch nicht zu spät, da die Stängel im Laufe der Zeit verholzen und beim Biegen sehr leicht durchbrechen.
Stammbruch: Wenn dir beim Herunterbinden ein Ast anknickt oder halb absplittert, drücke die Bruchstelle sofort wieder fest zusammen und fixiere sie stramm mit Panzertape oder Isolierband. In den allermeisten Fällen wächst der Ast innerhalb einer Woche wieder komplett zusammen und bildet an der Bruchstelle einen dicken, stabilen Knoten.
Fazit
Kein teures Equipment, keine komplizierten Systeme: Pflanzentraining ist die einzige Methode im Growzelt, die deinen Ertrag massiv steigert, ohne einen einzigen Euro zu kosten. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wie gleichmäßig deine Pflanzen das Licht nutzen. Eine untrainierte Pflanze verschwendet den Großteil der Lampenleistung an einen einzigen Haupttrieb. Eine trainierte Pflanze verteilt dieselbe Energie auf eine breite, ebene Fläche voller gleichwertiger Blütenpunkte. Ob du mit einfachem Herunterbinden anfängst oder direkt ein ScROG-Netz aufbaust: Jede Technik bringt dich näher an das volle Potenzial deiner Ernte.